Piratin.
Schwimmende HfK.

Man hat das Schiff als kleinen, autonomen Planeten auf selbstbestimmter Reise beschrieben. Zugleich wurde es als Fragment bezeichnet, das sich zwar von der Erde losgelöst hat, aber unvollständig und auf diese bezogen bleibt. Das Fragment, das für ihre künstlerisch-räumliche Praxis zentral ist, hat Asli Serbest und Mona Mahall auf die Idee eines Schiffs als schwimmendem Ausstellungsraum gebracht. Kann ein Stück HfK losfahren?

In Auseinandersetzung mit der Frage nach einer HFK-Galerie in der Innenstadt, nach einer aktiven Verbindung zwischen Hochschule und Stadt, nach einem Ort, der unterschiedliche Öffentlichkeiten ermöglicht und quer zu sozialen, ästhetischen und technologischen Kontexten agiert, arbeiten Serbest/Mahall seit Januar 2018 an diesem Projekt. Als schwimmender, nomadischer Raum ohne festen Boden will das Schiff relevante Fragen für die HfK und darüber hinausstellen und Begegnungen als politischen und ästhetischen Impuls ermöglichen.

 

Das 53m lange Fahrgastschiff aus der damaligen DDR, das Serbest/Mahall als HfK-Ausstellungsraum vorstellen, kann als eine späte Antwort auf die utopischen (Groß-) Projekte radikaler Architektur der 1960er und 70er Jahre, wie Walking City (Archigram) oder Non-stop City (Archizoom Associati) gesehen werden; mit ihnen wurden Räume, Architekturen und sogar Städte entworfen, die nicht an feste Orte gebunden, sondern in ständige Bewegung versetzt waren. Die Bewegung, nicht die große Utopie, ist von Interesse für das Schiff, das bereits seit 60 Jahren im Einsatz ist und nun zu einem Raum wird, an dem bestehende Beziehungen, Konventionen und Praktiken in verschiedenen Bereichen von Kunst, Leben und Bildung befragt werden können. Als offener Ausstellungsraum reist die Piratin auf den Wasserstraßen in Bremen, Hamburg, Oldenburg und weiteren Orten. Wenn sie nicht unterwegs ist, liegt sie am SBU-Anleger an der Bürgermeister-Smidt-Brücke gegenüber dem Weserburg Museum für moderne Kunst. Durch subtraktive Veränderungen im Schiffsinneren erhält die Piratin eine Halle, in der verschiedene Veranstaltungen und Ausstellungen stattfinden können — zusätzlich zu den drei offenen Decks.

 

Das Schiff ist Teil einer aktiven Infrastruktur, die Bewegungen und Verschiebungen ermöglicht und (in)diszipliniert, sei es auf Wasserstraßen oder auf dem offenen Meer. Ein Schiff als einen Ausstellungsraum in Bewegung zu denken, bedeutet, sich den Raum aktiv vorzustellen: nicht so sehr als einen Kunstcontainer, der besucht werden kann, sondern vielmehr als einen Akt des Besuchens selbst. Ein Schiff erreicht verschiedene Orte als Gast oder Eindringling, als vorübergehender Nachbar in städtischen oder ländlichen, in dichten oder eher verstreuten Gebieten. Es stellt statisches institutionelles Denken, feste räumliche Gegebenheiten und organisatorische Infrastrukturen sowie die Idee einer unveränderlichen Öffentlichkeit in Frage. 
Insofern das nomadische als Alternative zum sesshaft-vernünftigen Denken angenommen wird, möchte auch das Schiff andere Formen des Ausstellens ermöglichen. Es wird diverse Kontakte knüpfen, neue kollektive Prozesse und verschiedene Weisen des Machens und Wahrnehmens von Dingen ermöglichen und einfordern.

 

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Das Schiff kann zwar als Planet, als ortloser Ort, beschrieben werden, aber vielmehr ist es ein Fragment, eine Reihe von aktiven Beziehungen: Beziehungen der Macht und der Ausbeutung (Pirat), aber auch des Begehrens und der Phantasie (Das fliegende Schiff). Es ist ein Agent, der Dinge, Lebewesen und Ideen verbindet und konfrontiert; in Bremen, die koloniale Geschichte mit einer kolonialen Gegenwart, in Europa touristische Ausflüge mit Flucht. Das Schiff heisst „Piratin" in leichter Abänderung des ursprünglichen Passagierschiffnamens „Pirat" könnte aber auch andere Namen tragen: Togo, !Namiǂnûs, FGS oder Dokos.

Alle Bilder und Zeichnungen © Mona Mahall und Asli Serbest, 2020

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